Wasser
Das Wetter ist bescheiden, alles grau in grau, nass, kalt – einfach bäh.
Dazu fallen mir keine Motive ein, da blockiert mein Hirn.
Wasser und Spiegelungen hatte ich vor vielen Jahren immer wieder als Thema aufgegriffen. Da könnte ich doch mal mit der alten Nahlinse probieren, ob ich nahe genug herankomme um Wassertropfen einzufangen.
Wie könnte das gehen?
Ab in die Küche und am Hahn so lange rumgefummelt, bis er schön regelmäßgig im Takt tropfte. Als Licht erstmal einen Blitz von links. Fürchterlich. Die Chromspüle reflektiert unberechenbar.
Der Aufschlagpunkt ist auch viel zu tief um das Licht nur auf die Wasseroberfläche und den Tropfen darüber zu begrenzen.
Es folgen diverse Versuche mit Gläsern, Tassen und verschiedenen Unterbauten, aber die Tropfen separieren nicht ausreichend vor dem Hintergrund. Vielleicht noch einen Blitz dazu, oder einen Reflektor? Nee, nee. Das ist Murks. Bei der ganzen Konzentration auf den Tropfen habe ich den Hintergrund völlig vernachlässigt.
Irgendwas dunkles muss her. Die schwarze Holzkiste in der der teure Rotwein war, passt gerade hinter die Spüle.
Viel besser.
Schwarz, schwarz, schwarz. Jetzt noch was schwarzes als Untergrund. Die großen Kaffeebecher sind zu kein im Durchmesser.
Die Wellen bilden sich nach dem Aufschlag des Tropfens nicht so schön.
Ha! Die Auflaufform ist schwarz emailliert und passt genau in die Spüle.
Jetzt noch das Licht schön abschirmen und flach über die Wasseroberfläche direkt auf den Tropfen jagen.
Nach zwei Stunden herumprobieren wurden die Bilder langsam brauchbar.
Der Ausschnitt ist ungefähr 1/4 des Originals. Mit dem 50mm +3 Dioptrien Nahlinse kommt man nicht näher ran.
Die extrem billigen Yongnuo YN460 Blitze im Slavemodus sind nicht sehr zuverlässig und können schon durch Umgebungslicht oder ungünstigem Winkel versagen. Das war mir klar, als ich sie in Hongkong bestellte und hatte gleich Cactus V4 Funkauslöser mitgeordert. Die Kombination ist vom Preis-Leistungsverhältnis unschlagbar.
Man muss eben einige Abstriche machen und sich darauf einstellen. Ein Nikon SB ist immer nach 3 Sekunden mit voller Ladung bereit und zündet bei optischer Auslösung fast 100%ig. Die Yongnuos brauchen da mindestens 6 Sekunden Ladezeit bis die volle Leistung wieder vorhanden ist. Die Tasten zur Einstellung sind wabbelig und man muss manchmal 3x drücken, bis sie reagieren.
In den folgenden Tagen schielte ich immer wieder auf diverse Makroobjektive, war vom Makrovirus befallen.
Als therapeutische Maßnahme verschrieb ich mir ein 105mm Micro Nikkor.
Dann sollte der ganze Aufbau nochmal durchdacht werden. Direkt an der Spüle war es zu beengt um Stativ, Blitze und Hintergrund vernünftig zu positionieren.
Der Hintergrund bestimmt die Farbe der Spiegelung auf der Wasseroberfläche. Verschiedenfarbige A4 große Pappen und ein Infusionsset für die exakte Regelung der Tropfen waren für wenige Euronen schnell beschafft.
Erste Testaufnahmen mit dem 105er zeigten ziemlich schnell die Probleme der Makrofotografie auf. Beim Abbildungsmaßstab von 1:1 (30cm Abstand) war die Tiefenschärfe so knapp, dass noch nicht einmal die ganze Tropfensäule scharf abgebildet wurde. Durch die Neigung der Kamera von 15° konnte im günstigsten Fall der Tropfen und eine kleine Zone vor dem Einschlagpunkt richtig scharf werden. Wenn der Tropfen beim Austritt aus dem Infusionsset durch leichteste Bewegung aus der Bahn gebracht wurde, war der Einschlagpunkt einige Milimeter daneben und auch mit Blende 22 nicht mehr einzufangen.
Im Vergleich zu den Tropfen aus dem Wasserhahn erschienen die aus dem Infusionsset um einiges kleiner.
Das zeigte sich auch dramatisch in der Form und Größe des Aufschlags. Die Tropfen erreichen am Hahn durch die größere Fläche und Struktur des Siebes fast die doppelte Größe und bildeten imposantere Formen. Mit etwas zusammengerolltem Küchenpapier am Schlauchende ließ sich das wieder ausgleichen.
Neben der geringen Tiefenschärfe war die überraschend hohe Geschwindigkeit der kleinen Tropfen bei den Kronen.
Mit maximal 1/16 Blitzleistung konnte die Bewegung gerade noch eingefroren werden. Bei dunklem Hintergrund waren dann bis zu 4 Blitze nötig um eine ausreichende Lichtmenge zu erzeugen.
Viel Aufwand, drei Nachmittage, hunderte Bilder, viel Spaß.